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Montag, 28. Juli 2014

Markante Bauwerke in Offenbach / Das Zweigestirn AOK-„Schnapspalast“ (1)


Text: de; Bilder: de und basimue
Eine weitere Veranstaltung im Rahmen der Tage der Industriekultur Rhein-Main steht unter dem Siegel „Architektur“ und fokussiert zwei dicht beieinander gelegene markante Bauwerke aus unterschiedlichen Zeiten, jedes für sich hochmodern zu seiner Zeit: Der Bau der Allgemeinen Ortskrankenkasse (Baujahr 1930) und das Gebäude der Allgemeine Bundesmonopolverwaltung für Branntwein (Baujahr 1952).



Startpunkt ist der Schulhof, der Albert Schweitzer Schule (Baujahr 1908), ein ebenso imposanter Bau nach der Jahrhundertwende und somit schöner Vergleich bzgl. der Baustile zu den beiden noch folgenden Bauwerken. Mit gut 30 Interessenten war der Ortstermin, geführt durch die Kunsthistorikerin Christina Uslular-Thiele, gut besucht.



Die Allgemeine Ortskrankenkasse, AOK, war zunächst noch in gemieteten Räumen beherbergt, bevor sie 1925 zur besseren Betreuung der Versicherung ein eigenes Verwaltungsgebäude plante und hierfür das Grundstück an der Waldstraße kauft. Auf Grund der Inflation gestaltete sich die Finanzierung des Neubaus nicht gerade einfach, aber dennoch wurde das Vorhaben angegangen.



Maßgabe für den Entwurf war, dass das neue Gebäude zwar repräsentativ, aber nicht opulent wirken sollte. Dieser Spagat rief natürlich immer wieder die Kritiker in
den Ring. Der rote Klinkerbau der sogenannten „Neuen Sachlichkeit“, später als Bauhausstil berühmt, gehorchte der Prämisse: Vorrangig ist die Funktion, alles Überflüssige gilt es wegzulassen. So ist die Fassade von großer Schlichtheit geprägt, einzige Unterbrechungen bilden die große Fenster und eine Dacherhebung. Besonders modern für diese Zeit war das flache Dach.



Das neue Verwaltungsgebäude der AOK, der Wirtschaftskrise trotzend, damals modern und wartungsfrei, steht heute unter Denkmalschutz, wodurch einige geplante Veränderungen auch nicht umgesetzt werden konnten.


Der Architekt Hugo Eberhardt, der 1907 Direktor der technischen Lehranstalt (heute HfG) wurde, hat neben dem AOK-Gebäude auch das der HfG und viele Frankfurter und Eschborner Schulen gebaut. Als zweiten großen Auftrag realisierte er Wohnblocks für kleines Einkommen an der Waldstraße, die sogenannten „Holzmannblocks“. Auch diese unspektakulären Wohnbauten in drei  Reihen folgen augenscheinlich dem Grundsatz der Sachlichkeit und Schlichtheit und umfassen insgesamt 230 Wohnungen.
 

Neben der Schalterhalle umfasste der Verwaltungsbau umfangreiche Räume für Heilbehandlung vor Ort. So gelangte man mit Eingang vom Friedrichsring zu Wannenbädern, Lichtbädern und einer Zahnklinik. Natürlich stieß auch dieses Vorhaben bei den niedergelassenen Ärzten  auf Gegenwehr. Die nationalsozialistische Gesundheitspolitik schränkte zunehmend die Eigenständigkeit der Ortskassen ein, sodass einige Pläne nicht realisiert wurden. Der  Bäderbereich wurde verpachtet und hatte als „Römerbad“ noch bis in 80er Jahre Bestand. 1945 beschlagnahmte dann die amerikanische Militärverwaltung das Gebäude und nutze es zur Briefzensur. Bis 1952 hatte schließlich das Verkehrsministerium dort seinen Sitz, bevor das Gebäude der AOK wieder zurückgegeben wurde. Außer dem Treppenhaus ist allerdings von der ursprünglichen Inneneinrichtung aus der damaligen Zeit nichts mehr übrig.

Und Morgen kommt der "Schnapspalast"...

Samstag, 1. Dezember 2012

Advent 1 D´Orvillesches Puppenhaus

Am letzten Sonntag gab es im Haus der Stadtgeschichte einen Vortrag von Frau Renate Koch zum Thema "Wie Weihnachten früher war" zu hören. Vor dem D´Orvilleschen Puppenhaus versammelten sich 15 interessierte Männer und Frauen. Nach einer kurzweiligen Vorstellung des sehr wertvollen Puppenhaus ging es um die Herkunft des geschmückten Weihnachtsbaumes und allerlei Weihnachtsgeschichten. Mir hat ein wenig der Bezug Offenbach gefehlt, gelernt habe ich aber, dass es nunmehr nirgendwo die Original Offenbacher Pfeffernüsse zu kaufen gibt!



Das Puppenhaus wurde 1757 gefertigt und ist über 2 Meter hoch! Die Puppenzimmer sind im Rokoko-, ein Zimmer im Barockstil eingerichtet. Das Puppenhaus war weniger zum Spielen gedacht, sondern eher zum Erlernen der Haushaltführung für bürgerliche Mädchen im 18. Jahrhundert. 

Dienstag, 19. Juni 2012

Rumpenheim vor 1942 (13)


1942 verlor Rumpenheim seine Selbständigkeit und wurde eingemeindet. Eine in Rumpenheim geborene Zeitzeugin, geboren 1922, erzählt hier in loser Reihenfolge von ihrer Kindheit in diesem schönen eigenständigen Dorf:

Schwimmen im Main

Nachdem ich meinen Freischwimmer gemacht hatte, erlaubten mir meine Eltern auch alleine schwimmen zu gehen. Ich (meine jüngere Schwester später auch) bekam allerdings nur eine Stunde Zeit dafür, da hieß es mit dem Fahrrad schnell hin zu sausen. Wenn wir aus dem Wasser kamen, durften wir uns nicht, wie die anderen Kinder, mit den Decken in das Gras legen, sondern mussten direkt nach Hause fahren. „So was“ tat man nämlich nicht!
Außerdem war es streng verboten über den Main zu schwimmen oder auf ein vorbeifahrendes Floß zu klettern. Beide Verbote habe ich nicht eingehalten. Nachdem ich von meinen Klassenkameraden immer wieder gesagt bekam, ich sei ja nur zu feige, musste ich es einfach eines Tages wagen, ans andere Ufer zu schwimmen. Ich legte mich aber nicht wie die Anderen auf der anderen Mainseite zum Ausruhen auf die Wiese, sondern schlug nur am Ufer an und schwamm sofort zurück. Mitten im Fluss bekam ich einen heftigen Krampf in das eine Bein, schaffte es aber mit eisernem Willen mit beiden Armen und einem Bein bis ins flache Wasser. Dort hielt ich mich dann doch etwas auf, bis ich wieder bei Kräften war. Dann zog ich mich an, fuhr nach Hause und erzählte kein Sterbenswort von meinem Abenteuer.

Der Badeplatz lag in der Nähe der Schleuse (Anmerkung, diese wurde vor ein paar Jahren abgerissen), zwei Treppen führten in den Main. Am Ende der kleinen Treppe konnte man im Wasser noch stehen, benutzte man aber die größere Treppe, so musste man am Ende direkt losschwimmen.  Es gab zu den Schleusengebäuden drei sogenannte Trommeln. In der Mitte die größte, links die kleinere für Flöße und rechts eine für große Schiffe und Lastkähne.
Wenn während unserer Schwimmzeit ein Floß vorbeikam, schwammen einige Kinder hin und kletterten darauf. Inzwischen wurde die Trommel hochgezogen. Das Wasser floss in Strömen in die sogenannte Floßrinne, in der sonst nur einige Zentimeter hoch das Wasser stand und die Flößer konnten nun mit langen Stangen ihr Floß an der Schleuse vorbei ins offene Wasser steuern.
Drüben sprangen die Kinder wieder vom Floß ab und mussten nun am Ufer hochklettern, um wieder zurück zu laufen. Ich habe lange Zeit dabei nur zugesehen. Doch irgendwann packte es mich dann auch und ich machte auch mit. Es war aber gar nicht so einfach wie es aussah. Wenn man das Floß endlich erreicht hatte, musste man sich an den dicken nassen Stämmen festhalten. Die Beine wurden allerdings sofort von dem Sog unter das Floß gezogen und wir konnten uns nur mit großer Anstrengung hochziehen. Ich machte das Ganze nur einmal mit und es war bei weitem nicht so schön wie ich es mir ausgemalt hatte. 

Zeitzeugin Jahrgang 22 

Sonntag, 8. April 2012

Rumpenheim vor 1942 (11)


1942 verlor Rumpenheim seine Selbständigkeit und wurde eingemeindet. Eine in Rumpenheim geborene Zeitzeugin, geboren 1922, erzählt hier in loser Reihenfolge von ihrer Kindheit in diesem schönen eigenständigen Dorf:

Osterüberraschungen in unserem Garten

Für den Osterhasen bauten wir jedes Jahr auf unserem Rasen (die Rasenfläche war nicht groß, da wir den Garten ja zum Anbau von Gemüse und Salate nutzten) kleine Nestchen. Unser Vater schnitzte uns gleichlange Stöckchen dafür. Wir schlugen die Stöckchen mit einem Hammer in den Boden, so dass ein kreisförmiges Nest entstand. Der Kreis hatte eine Öffnung und einen ca. 15 cm langen Eingang, ebenfalls mit Stöckchen gesteckt. Nun mussten wir unser Osternest noch gut auspolstern. Am Karfreitag oder -Samstag fuhren wir mit unseren Fahrrädern in das nahe Wäldchen zwischen Rumpenheim und Mühlheim und suchten uns schönes grünes Moos. Damit legten wir unsere „Kunstwerke“ aus. Natürlich waren wir sehr gespannt, was der Osterhase uns wohl bringen würde. Immer fanden wir einen Osterhasen im Nest und natürlich gefärbte Eier. Außerdem gab es meist eine Extraüberraschung für uns. Einmal bekamen wir Porzellaneier, die man öffnen konnte. Darin war ein silbernes Kettchen mit einem Kreuz mit kleinen Steinchen darauf. Ich bekam ein blaues Ei, meine Schwester ein rotes. Unsere Eltern ließen sich jedes Jahr etwas  Schönes für uns einfallen, trotz der knappen Haushaltskasse. In einem Jahr, ich kann mich nicht mehr erinnern wie alt wir waren, muss meine Schwester mal sehr „unartig“ gewesen sein. Papa sagte damals nur, der Osterhase werde sich ihr Verhalten bestimmt merken.
Und tatsächlich, am Ostermorgen, als wir in den Garten rannten, lag im Nest meiner Schwester nur ein großer Stein. Sie stand davor und sagte keinen Ton, sie weinte auch nicht.
Am Nachmittag desselben Tages bekam sie doch noch ein kleines Geschenk, nachdem unsere Eltern sie noch einmal ernsthaft ermahnt hatten.
Verstecktes Eiersuchen gab es bei uns zu Hause nicht. Dafür aber bei Oma und Opa im Garten. Das war natürlich immer sehr spannend, denn meine Großeltern hatten ja so viele Enkelkinder und jeder wollte den besten Fund machen. Natürlich durfte es nicht regnen, denn sonst fiel der Spaß leider aus.
Einmal bekam ich einen großen roten Zuckerosterhasen mit einem Rucksäckchen gefüllt mit kleinen Eiern. Er war so schön. Ich brachte es einfach nicht über das Herz, ihn aufzuessen, er tat mir zu leid. Ein ganzes Jahr hob ich ihn hinter der Glasscheibe des Wohnzimmerschrankes auf. Dann war er einfach fort, wahrscheinlich heimlich entsorgt. 

Zeitzeugin Jahrgang 22 

Samstag, 24. März 2012

Rumpenheim vor 1942 (10)

1942 verlor Rumpenheim seine Selbständigkeit und wurde eingemeindet. Eine in Rumpenheim geborene Zeitzeugin, geboren 1922, erzählt hier in loser Reihenfolge von ihrer Kindheit in diesem schönen eigenständigen Dorf:

Erinnerungen an den „Freien Platz“ (1)

Kerb, das heißt Kirchweihfest der evangelischen Gemeinde. Es war sonntags, montags und mittwochs großer Rummel. Schon am Dienstag vor dem Fest kamen die ersten Wagen der Beschicker. Wir Kinder konnten es kaum erwarten bis die Schule aus war und wir schauen konnten, was alles aufgebaut wurde. Es gab immer ein großes Kinderkarussell, ein Kettenkarussell und manchmal eine Schiffschaukel. Das Kinderkarussell hatte zwei Stockwerke. Unten standen die großen bunten Holzpferde und kleine Kutschen. Auf einer Treppe konnte man nach oben gehen, dort gab es eine Art Wippen und Rondells zum Drehen. Man setze sich hinein und wurde noch zusätzlich gedreht. Nach einer solchen Fahrt war einem schon mal schwindelig. Für mich war das nichts. Sonst gab es noch die üblichen Buden. Ich freute mich immer am meisten auf die grünen, roten und gelben Zuckerstangen. Ich liebte die Grünen mit dem Pfefferminzgeschmack, aber auch Magenbrot und geröstete Mandeln. Und die Schießbuden. Nach langem Zögern versuchte ich mich auch mal im Schießen. Ich zielte und auf einer ganz anderen Seite der Schießbude fiel eine Blume herunter. Ich bekam diese überreicht und freute mich sehr.
Bevor die Kerb begann, gab es daheim erst einmal großen Hausputz.
Wir erwarteten ja eine Menge „Kerbbesucher“. Aus Wattenheim kam Tante Regina (die Schwester meiner Mutti) mit ihrem Mann und ihren Kindern. Weiterhin kamen auch noch Cousinen von Mutti aus Dietesheim mit Kind und Kegel. Sie besuchten auch Oma und Opa und alle Onkel und Tanten. Am Kerbmontag bekamen wir immer schulfrei. Vormittags fand dann das Schubkarrenrennen statt. Ich kann mich nicht entsinnen, dass meine Eltern jemals dort hingingen. Es war zwar sehr lustig, aber auch ich lief bei dem Rennen nicht mit. Viel besser gefiel es mir, am Nachmittag auf den Kerbplatz zu gehen. Wir hörten zu Hause, wenn die Orgel des Karussells anfing zu spielen, dann konnte uns keiner mehr halten.
Von Opa und Oma Schmitt und allen Verwandten bekamen wir Kinder kleine Geldbeträge als „Kerbgeld“. Mit diesem Geld in der Tasche zogen wir dann los und überlegten „lange“ was wir als erstes machen sollten: Karussell fahren oder etwas Süßes kaufen oder doch vielleicht lieber sparen? Das war gar nicht so einfach.
Sonntags und montags kostete eine Fahrt mit dem Karussell 10 Pfennige.
Mittwochs aber nur noch 5 Pfennige. Mittwochs gab es aber dazu noch einen Knüller. Die Fahrgeschäftebetreiber stellten ein Gestell auf, an dem ein Haken kleiner bunter Ringe hing. Wenn man sich beim Fahren nicht setzte und sich lieber an der Stange festhielt, konnte man sich etwas hinauslehnen und versuchen einen der Ringe abzuhängen.
Wenn das gelang, gewann man eine Freifahrt. Wir hatten viel Spaß dabei.

Keinen Spaß hatte ich dann aber an einem Kerbtag in späteren Jahren. Ich war schon 15 oder 16 Jahre alt. Zum Fahren mit dem Kettenkarussell waren aus Bürgel viele Mädchen und Jungen unserer Gruppenstunde gekommen. Wir alberten beim Fliegen herum und stießen uns gegenseitig ab. Einer der Jungs wollte mich anstoßen, zog mich aber dabei von meinem Sitz Ich hielt mich bei voller Fahrt nur noch krampfhaft an den Armlehnen fest. Da hing ich nun in voller Größe und flog durch die Gegend. Von unten schrien die Zuschauer: „Festhalten und Anhalten!“
Endlich wurde die Fahrt gestoppt. Ich hatte noch einmal Glück gehabt. Zitternd stieg ich ab, um gleich wieder in einen Sitz zu steigen, um noch eine Runde zu drehen.
Ich nehme an, ich schämte mich und wollte nicht gleich mit jemandem sprechen. Als ich dann später nach Hause kam, wussten meine Eltern schon, was mir passiert war. Sie schimpften allerdings überhaupt nicht. Ich nehme an, dass sie einfach froh waren, dass ich gesund vor ihnen stand.
 
Zeitzeugin Jahrgang 22

Freitag, 16. März 2012

Rumpenheim vor 1942 (9)

1942 verlor Rumpenheim seine Selbständigkeit und wurde eingemeindet. Eine in Rumpenheim geborene Zeitzeugin, geboren 1922, erzählt hier in loser Reihenfolge von ihrer Kindheit in diesem schönen eigenständigen Dorf:

Weitere Spiele in der Freizeit 




Zum „Klickerspielen“ (heute nennt man es Murmelspielen), das waren kleine bunte Stein- oder Lehmkugeln, machten wir einen langen Strich auf den Erdboden und gruben ein paar Meter weiter davon entfernt eine kleine Kuhle in die Erde, mit einem ca. 10-20 cm Durchmesser. Dann ging es auch schon los. Meistens spielten fünf bis sechs Kinder zusammen. Jedes Kind hatte eine bestimmte Anzahl an Klicker im Spiel. Alle stellten sich hinter dem Strich auf, übertreten war verboten. Jeder warf dann einen Klicker in Richtung der Kuhle im Boden. Nach und nach kam jeder dran, bis alle Kugeln auf dem Spielfeld lagen. Wer dann einen seiner Klicker am nächsten am Loch liegen hatte, durfte nun mit seinem gekrümmten Zeigefinger versuchen diesen in das Loch zu schubsen. Dabei durfte die Erde nicht berührt werden. Wenn dies aber doch passierte und es die Mitspieler merkten, riefen sie: „Du hast „gebesent! Zeig deinen Finger!“. Wenn dann auch nur eine Spur von Erde am Finger zu sehen war, musste man seinen Klicker vom Spielfeld nehmen und der Versuch war misslungen. Dann kam der nächste an die Reihe. Wer am Ende die meisten seiner Klicker in der Kuhle liegen hatte, war der Gewinner und durfte dann auch alle Klicker der Mitspieler aus dem Loch einsammeln und in seinem „Klickersäckchen“ verstauen. Je nachdem war dieses dann nach dem Spiel prallvoll oder fast leer. Das war dann nicht so schön und wir waren dann schon manchmal ein wenig traurig.

Zeitzeugin Jahrgang 22

Donnerstag, 1. März 2012

OF zum Ersten

Rumpenheim vor 1942 (8)

1942 verlor Rumpenheim seine Selbständigkeit und wurde eingemeindet. Eine in Rumpenheim geborene Zeitzeugin, geboren 1922, erzählt hier in loser Reihenfolge von ihrer Kindheit in diesem schönen eigenständigen Dorf:

Die Schreinerei Stübing stellte Särge und auch kleinere Möbelstücke her. Ebenso bekamen wir bei Herrn Stübin die mit Holzstäben gemachten „Gerippe“ für unsere Drachen im Herbst. Das Papier dafür, wie auch unsere Schulhefte etc., konnten wir in einem kleinen Laden in der Scharfensteinerstraße kaufen.
Herr Stübing hatte auch als einziger in Rumpenheim ein Auto. Dies war eine Sensation für uns, damit fuhr er betuchte Leute nach Bürgel zur Straßenbahnhaltestelle. Später bekam er einen kleinen Bus für diese Fahrt. 
...übrigens, ganz vorne, das bin ich!
Außerdem hatte er auch einen Telefonapparat. Wenn jemand in unserem Dorf mal telefonieren musste, ging er zum "Stübing". Der Apparat mit Wählscheibe hing in seinem Haus im Flur an der Wand.
Als ich für meine Eltern zum ersten Mal bei einer Familie in Offenbach anrufen musste, hatte ich heftiges Herzklopfen! Ich schätze, ich war elf Jahre alt.

Zeitzeugin Jahrgang 22

Samstag, 4. Februar 2012

Rumpenheim vor 1942 (7)


1942 verlor Rumpenheim seine Selbständigkeit und wurde eingemeindet. Eine in Rumpenheim geborene Zeitzeugin, geboren 1922, erzählt hier in loser Reihenfolge von ihrer Kindheit in diesem schönen eigenständigen Dorf:


Spiele in der Freizeit


Wenn die Schule aus war und die Hausaufgaben ordentlich gemacht waren, kamen viele Kinder auf den „Freien Platz“. Heute heißt dieser Platz „Kurhessenplatz“ und sieht ganz anders aus.

Unser „Freier Platz“ war eine große ebene Fläche mit stattlichen Laubbäumen auf allen Seiten. Ideal für uns Kinder, um dort „Klicker“ zu spielen. Viele Kinder kamen auch mit ihren Stelzen oder brachten große bunte Holzreifen mit, die sie mit kleinen Stöcken zum Rollen brachten. Andere Kinder „dopschten“, das ging besser auf der Straße, weil sich der Straßenbelag besser dazu eignete. Man wurde dort auch nur selten mal gestört, da es ja kaum Fahrzeuge gab und nur ganz selten ein Bauer mit dem Pferdefuhrwerk vorbei kam oder ein Radfahrer. Es gab aber noch viele andere Dinge und Spiele mit denen man sich die Zeit wunderbar vertreiben konnte. Einige Mädchen spielten immer nur mit Bällen und warfen diese an glatte Hauswände. Das war mir zu langweilig. Auf dem gewachsenen Boden des Platzes konnte man mit Stöcken Spielfelder aufmalen. Eines hieß „Wasserlauf“, man konnte sich darin verirren, fast wie im Irrgarten. Viele unserer Spiele gibt es heute kaum noch oder gar nicht mehr.

Was zum Beispiel ist ein „Dopsch“? 
Dies ist ein kleiner Holzkreisel (es gibt ihn in verschiedenen Größen), den man mit einem langen Stecken oder Stab an dem eine Kordel angebracht ist, zum Kreiseln bringt (heute nennt man ihn Peitschenkreisel). Damit die kleine „Peitsche“ richtig flutschte, machte man einige Knoten unten in die Kordel und so angetrieben, drehte sich der Dopsch wunderbar, vorausgesetzt man traf in richtig. Noch schöner war es für uns, wenn wir ein paar kleine farbige Papierstückchen mit Spucke oben auf die flache Rundung klebten. Dann sah er beim Kreiseln herrlich bunt aus. Jeder wollte natürlich die schönsten Farben haben und alle gaben sich viel Mühe mit dem Schmücken.

Zeitzeugin Jahrgang 22

Dienstag, 17. Januar 2012

Rumpenheim vor 1942 (6)

1942 verlor Rumpenheim seine Selbständigkeit und wurde eingemeindet. Eine in Rumpenheim geborene Zeitzeugin, geboren 1922, erzählt hier in loser Reihenfolge von ihrer Kindheit in diesem schönen eigenständigen Dorf:


Ausflüge mit den Lehrern 2



Ein anderes Mal besuchten wir den Zirkus „Sarrasani“ in Frankfurt. Wir gingen zu Fuß nach Bürgel und fuhren von dort mit der Straßenbahn der Linie 27 nach Offenbach. An der Ecke Karlstraße/Frankfurter Str. stiegen wir um in die Linie 16. die vom alten Friedhof kam. Dort war die Endhaltestelle der 16. Der Zirkus war ein tolles Erlebnis für uns Rumpenheimer Kinder. Die vielen wilden Tiere, die Seiltänzer und zum ersten Mal sah ich Diabolo-Spieler. Sie beeindruckten mich am meisten mit ihren Kunststücken.

Sonst kann ich mich nicht an „größere“ Ausflüge in meiner Kindheit erinnern. Ab und zu machten wir aber kleine Fahrradtouren. Leider konnten nicht alle Schüler daran teilnehmen, denn zu dieser Zeit hatte nicht jede Familie ein Fahrrad zur Verfügung. Einmal fuhren wir bis nach Dietzenbach. Von dort kam unser Lehrer Knecht (er war nicht unbedingt mein Lieblings-Lehrer!). Seine Eltern hatten dort einen Bauernhof, Lehrer Knecht hatte sehr viele Geschwister.



Einmal fuhren wir auch zur „Käsmühle“, deren Mühlrad von einem kleinen Bach angetrieben wurde. Wir durften im Wald ringsum spielen, aßen unser Pausenbrot und fuhren dann wieder zurück.



Wenn es im Sommer sehr heiß war, schrieben wir folgendes an die große Tafel:

„Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön, Herr Lehrer wir wollen spazieren geh´n. Lieber im Wald schwitzen, als in der Schule auf den harten Bänken sitzen!“

Das konnten wir uns aber nur „beim Knecht“ erlauben. Tatsächlich erfüllte er uns auch ab und zu diesen Wunsch.



Eines Tages sollten alle Kinder aufstehen, deren Väter arbeitslos waren und es gab damals vor dem Krieg viele Arbeitslose. Auch ich war dabei. Wir wurden in die Breite Straße in eine Gastwirtschaft geschickt und erhielten je zwei Laibe Brot und eine Tüte Mehl. Freudestrahlend trug ich das Geschenkte nach Hause. Aber oh weh, mein Vater wurde sehr wütend und verbat mir noch einmal dorthin zu gehen. Er sagte, er könne seine Familie selbst ernähren und brauche keine Nazis dazu.

Ich wusste damals noch nicht, um was es überhaupt ging. Mein Vater aber hat seine Meinung bis zum Kriegsende nicht geändert.

Zeitzeugin Jahrgang 22

Freitag, 6. Januar 2012

Rumpenheim vor 1942 (5)

1942 verlor Rumpenheim seine Selbständigkeit und wurde eingemeindet. Eine in Rumpenheim geborene Zeitzeugin, geboren 1922, erzählt hier in loser Reihenfolge von ihrer Kindheit in diesem schönen eigenständigen Dorf:


Ausflüge mit den Lehrern 1


Einmal fuhren wir mit einem großen weißen „Dampfer“, der am „Schiffchen“ anlegte zum Niederwalddenkmal zur Germania an den Rhein.

Zum Essen nahmen wir von zu Hause belegte Brote mit. Getränke konnte man sich auf dem Schiff kaufen. Mein Vater war zu dieser Zeit (von 1932 bis 1934) arbeitslos und das Geld war recht knapp. Wir hatten ja auch erst 1930 unser neues Haus bezogen. Mutti gab mir aber trotzdem die letzten fünf Reichsmark mit, die sie noch als Wochengeld hatte und sagte zu mir: „Kind, sei sparsam“! Ich kaufte mir nichts zum Trinken und brachte am Abend voller Stolz mein ganzes Geld wieder mit nach Hause. Trotzdem habe ich den Ausflug sehr genossen.


Eine Mutter, die mit ihrem Sohn auch an diesem Ausflug teilnahm, verpasste die Abfahrt des Schiffes. Sie wurden uns dann mit einem Motorboot nachgefahren.

Als die Beiden dann wieder das Schiff bestiegen, sangen alle:



„Siehste net da kimmtse,

lange Schritte nimmtse,

siehtste net da kimmtse schon

die Fraa Walter mit ihrm Sohn.“



Den Text hatten wir zuvor schnell „eingeübt“. Frau Walter war ziemlich wütend.



Ein anderes Mal besuchten wir den Zirkus „Sarrasani“ in Frankfurt. Wir gingen zu Fuß nach Bürgel und fuhren von dort mit der Straßenbahn der Linie 27 nach Offenbach. An der Ecke Karlstraße/Frankfurter Str. stiegen wir um in die Linie 16. die vom alten Friedhof kam. Dort war die Endhaltestelle der 16. Der Zirkus war ein tolles Erlebnis für uns Rumpenheimer Kinder. Die vielen wilden Tiere, die Seiltänzer und zum ersten Mal sah ich Diabolo-Spieler. Sie beeindruckten mich am meisten mit ihren Kunststücken.

Sonst kann ich mich nicht an „größere“ Ausflüge in meiner Kindheit erinnern. Ab und zu machten wir aber kleine Fahrradtouren. Leider konnten nicht alle Schüler daran teilnehmen, denn zu dieser Zeit hatte nicht jede Familie ein Fahrrad zur Verfügung. Einmal fuhren wir bis nach Dietzenbach. Von dort kam unser Lehrer Knecht (er war nicht unbedingt mein Lieblings-Lehrer!). Seine Eltern hatten dort einen Bauernhof, Lehrer Knecht hatte sehr viele Geschwister.



Einmal fuhren wir auch zur „Käsmühle“, deren Mühlrad von einem kleinen Bach angetrieben wurde. Wir durften im Wald ringsum spielen, aßen unser Pausenbrot und fuhren dann wieder zurück.



Wenn es im Sommer sehr heiß war, schrieben wir folgendes an die große Tafel:

„Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön, Herr Lehrer wir wollen spazieren geh´n. Lieber im Wald schwitzen, als in der Schule auf den harten Bänken sitzen!“

Das konnten wir uns aber nur „beim Knecht“ erlauben. Tatsächlich erfüllte er uns auch ab und zu diesen Wunsch.



Eines Tages sollten alle Kinder aufstehen, deren Väter arbeitslos waren und es gab damals vor dem Krieg viele Arbeitslose. Auch ich war dabei. Wir wurden in die Breite Straße in eine Gastwirtschaft geschickt und erhielten je zwei Laibe Brot und eine Tüte Mehl. Freudestrahlend trug ich das Geschenkte nach Hause. Aber oh weh, mein Vater wurde sehr wütend und verbat mir noch einmal dorthin zu gehen. Er sagte, er könne seine Familie selbst ernähren und brauche keine Nazis dazu.

Ich wusste damals noch nicht, um was es überhaupt ging. Mein Vater aber hat seine Meinung bis zum Kriegsende nicht geändert.

Zeitzeugin Jahrgang 22

Montag, 5. Dezember 2011

5. Dezember: Rumpenheim vor 1942 (4)

1942 verlor Rumpenheim seine Selbständigkeit und wurde eingemeindet. Eine in Rumpenheim geborene Zeitzeugin, geboren 1922, erzählt hier in loser Reihenfolge von ihrer Kindheit in diesem schönen eigenständigen Dorf:


Bei unseren Großeltern Schmitt wurden viele schöne Feste, den Jahreszeiten entsprechend, gefeiert. Immer mit Kind und Kegel.
Zum Beispiel am Nikolaustag: Einer der Onkel war der „Bischof Nikolaus“ mit einem riesengroßen Buch, in dem all unsere kleinen Sünden eingetragen waren. Jedes der Kinder musste irgendein Gedicht oder Gebet vortragen. Die Größeren mussten ihre Schulranzen mitbringen und der Nikolaus begutachtete die jeweiligen Hausaufgaben. Es gab Lob oder Tadel. Der auch anwesende Knecht Ruprecht hatte eine große Rute dabei, über die man springen musste und dabei gab es einen kleinen oder auch einen heftigen Klaps auf den Po. Ein paar Tränen flossen bei einigen Übeltätern schon mal.
Dann kam die Bescherung. Ein großer Sack, den Knecht Ruprecht trug wurde ausgeschüttet und jedes Kind bekam sein Geschenk. Die Geschenke waren nicht so groß wie heute, wir waren zufrieden mit Plätzchen, Erdnüssen, Walnüssen, manchmal auch Mandarinen und viele „Flaschenbirnen“ und Äpfel aus Omas Keller. Dazu bekam jeder noch einen kleinen Nikolaus aus Lebkuchenteig auf dem ein buntes Nikolausbild klebte.
Nach der Bescherung saßen wir alle froh und friedlich zusammen und tranken Kakao, danach wurde noch gesungen. Die Männer tranken Wein aus Johannisbeeren, den Oma und Opa  selbst herstellten. Ich glaube, der Wein war ganz schön stark. Diese schönen Nikolausfeiern habe ich nie vergessen.

Zeitzeugin Jahrgang 1922

Donnerstag, 17. November 2011

Rumpenheim vor 1942 (3)

1942 verlor Rumpenheim seine Selbständigkeit und wurde eingemeindet. Eine in Rumpenheim geborene Zeitzeugin, geboren 1922, erzählt hier in loser Reihenfolge von ihrer Kindheit in diesem schönen eigenständigen Dorf:


Sportunterricht:

Unser Sportunterricht fand auf dem großen Schulhof statt. Es gab drei Kletterstangen, einen Bock und einen Barren. Dann standen noch verschiedene Bälle zur Verfügung. Oft spielten wir Völkerball. Sportkleidung gab es nicht für die Schülerinnen und Schüler. Wir Mädchen trugen immer nur Kleider und Röcke, niemals Hosen.

Im Winter, wenn es stark gefroren hatte, trafen wir uns nachmittags um 13:30 Uhr zum Sportunterricht am großen Eichbaum (Richtung Waldheim), um auf dem Biebernsee Schlittschuh zu laufen. Die Schlittschuhe wurden an unsere Stiefel geschraubt und oft gingen davon die Absätze kaputt.



Im Sommer hatten die „großen“ Schüler (mit ca. 12 Jahren) Schwimmunterricht in Bürgel. Wir liefen dann oft auf dem Maindamm zum „Schwimmbad“. Es war im Main mit Bohlen und Brettern errichtet worden und eingezäunt. Für den Sprung ins Wasser gab es eine „Erhöhung“. Dort machte auch ich meinen Freischwimmer einschließlich der Tauchprüfung.


Zeitzeugin Jahrgang 22

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Rumpenheim vor 1942 (2)

1942 verlor Rumpenheim seine Selbständigkeit und wurde eingemeindet. Eine in Rumpenheim geborene Zeitzeugin, geboren 1922, erzählt hier in loser Reihenfolge von ihrer Kindheit in diesem schönen eigenständigen Dorf:

Schulzeit:
Der Jahrgang 1922, zu dem ich gehöre, wurde nach Ostern im Jahr 1928 eingeschult. Unsere Mütter brachten uns mit großen Kuchenbrettern auf denen riesengroße Brezeln lagen in die Schule. Die Brezeln wurden vom Bäcker Wolf gebacken, das war Tradition in Rumpenheim.
Ich/Wir kamen aber nicht in das richtige große Schulhaus sondern im Rathaus ins Parterre. Dort wurden wir in den ersten zwei Jahren unterrichtet.

Im ersten Stock arbeitete unser Bürgermeister mit seinen Angestellten. Ob auch noch andere Kinder vor oder nach meinem Jahrgang dort unterrichtet wurden, weiß ich nicht. Ich hörte nur, dass meine jüngsten Tanten, geboren 1911 und 1913 nach der Schulentlassung dort noch Fortbildungsstunden hatten.

Ab der 3. Klasse kamen wir dann ins richtige Schulhaus mit den vier großen Klassenzimmern. Unterrichtet wurden in einem Raum immer zwei Jahrgänge gleichzeitig. In der Mitte des Schulsaales war ein breiter Gang. Links und rechts davon standen die Tische mit den „Klappbänkchen“. An jedem Platz gab es ein vertieftes Tintenfass, welches immer nachgefüllt werden musste. In den ersten beiden Schuljahren schrieben wir mit einem „Griffel“ auf eine Tafel. Die Griffel wurden zu Hause von meinem Vater mit einem Messer scharf angespitzt. Er konnte das ganz prima. Jeder hatte einen Holzgriffelkasten, der mit Watte ausgelegt wurde, damit die Spitze der Griffel nicht abbrachen.
An unserem Schulranzen hing an einer Kordel ein kleines Schwämmchen, das immer feucht sein musste und ein trockenes Läppchen, um die Tafel bei Bedarf zu reinigen.
Als wir älter waren, bekamen wir dann Hefte und mussten mit einem spitzen Bleistift oder einem Federhalter schreiben. Auf dem Federhalter konnte man Schreibfedern mit verschiedenen Spitzen stecken.
Großen Wert wurde in der Schule auf das „Schönschreiben“ gelegt. Wehe, wenn wir Tintenflecken machten oder vor dem „Schönschreib“-Unterricht mit Schneebällen warfen und eiskalte Hände hatten. Dann wurde schon mal mit dem „Spanischröhrchen“ auf die Hände geschlagen und zwar richtig fest. Einmal platzte einer Schülerin davon die Hand auf.

Vormittags hatten wir von 8:00 bis 12:00 Uhr Unterricht, nachmittags eine, zwei oder drei Stunden ab 13:30 Uhr. 

Zeitzeugin Jahrgang 22

Freitag, 7. Oktober 2011

Rumpenheim vor 1942 (1)

1942 verlor Rumpenheim seine Selbständigkeit und wurde eingemeindet. Eine in Rumpenheim geborene Zeitzeugin, geboren 1922, erzählt hier in loser Reihenfolge von ihrer Kindheit in diesem schönen eigenständigen Dorf:

Rumpenheim war eine kleine Gemeinde, welches ein Rathaus und einen eigenen Bürgermeister mit Gemeindeverwaltung hatte.

In Rumpenheim gab es den Gemeindediener „Schlauß“. Er ging fast täglich durch alle Straßen des Ortes mit einer großen Schelle und rief laut: „Bekanntmachung – Bekanntmachung“. Sofort gingen in den Häusern die Fenster auf, damit man hören konnte was es in der Gemeinde und auch anderswo, Neues gab.
Auch einen sog. "Feldschütz" hatten wir, der mit einer umgehängten Flinte, in der Gemarkung für Ordnung sorgte, hauptsächlich auf den Feldern, damit kein Obst, Gemüse, Kartoffeln oder Getreide gestohlen wurde. Hatten wir Kinder mal einen Apfel oder anderes Obst an einem Baum abgerissen und wurden erwischt, bekamen wir nur eine Verwarnung und keine Bestrafung, denn es war ja nur „Mundraub“. Ich habe es niemals erlebt, dass er seine Flinte benutzte.
Weiterhin gab es einen Herrn Walter, genannt „Wasserwaller“, der die Wasseruhren in den Kellern ablas.
Im großen Flur der Bürgermeisterei hingen Holztäfelchen, an denen alle wichtigen Informationen für die Rumpenheimer bekanntgegeben wurden.
Dann hatten wir in Rumpenheim das schöne weiße Schloss am Main von den Landgrafen in Hessen. Es war in meiner Jugend aber schon lange unbewohnt, jedoch noch voll möbliert.
Hin und wieder kamen Adlige, um im Schloss zu wohnen. Ein Zeichen für anwesende Gäste war, dass die Fensterläden geöffnet waren.
Der sehr gepflegte Schlossgarten durfte nur zu festgelegten Öffnungszeiten besucht werden. Die Aufsicht über das ganze Anwesen hatte der „Kastellan Wendland“. Er war ein großer stattlicher Mann, er wohnte mit seiner Frau in einem Außentrakt des Schlosses. Sein Hauseingang war jedoch innerhalb des Schlossgartens. Er saß, wenn der Park für Besucher geöffnet war, in seinem Büro, das direkt neben dem großen Eingangstor lag. Wir Kinder hatten größten Respekt vor ihm. Er kontrollierte immer, ob wir Blumen oder blühende Äste abrissen und mit nach Hause nehmen wollten.

Später wurde der Kastellan befördert und hieß dann „landgräflicher Landgraf“. Nach seinem Tod wurde er an der Längsseite der evangelischen Schlosskirche im Schlossgarten beigesetzt.
Auf seinem Grabstein, in Form eines aufgeschlagenen Buches lautet die Inschrift:
Linke Buchseite:
„Hier ruht in Gott der der landgräfliche Landgraf Robert Wendland, geb. 06.03.1857, gest. 1934. Durch die Gnade seines durchLauchtigsten Herren fand er hier seine letzte Ruhestätte!
Rechte Buchseite:
„Hier ruht in Gott seine Ehefrau Luise Wendland, geb. 06.03.1863, gest. 1945. Gott dein Wille ist heilig.“

Alle Mitglieder der gräflichen Familie fanden ihre letzte Ruhestätte hinter der Stirnseite der Schlosskirche, nachdem sie aus dem Mausoleum umgebettet wurden. Nach dem Tod von Herrn Wendland kam dann Herr Fischer. Er war nur noch Schlossverwalter und hatte auch keinen weiteren Titel.

Zeitzeugin Jahrgang 1922